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360° Finanzen 25.01.2026 09:15:00

Schweizer Zinsen: Safe-Haven-Status rechtfertigt tiefe Renditen

Kolumne

Während USA und Eurozone mit Zinssätzen über 4 Prozent rentieren, verharren Schweizer Renditen knapp über null. Die Zinsdifferenz relativiert sich jedoch bei genauerer Betrachtung.

Schweizer Anleger stehen vor einem vertrauten Dilemma: 10-jährige US-Swaps rentieren über 4 Prozent, deutsche Pendants bieten rund 3 Prozent. In der Schweiz hingegen liegen 7- und 10-jährige SARON-Swaps bei 0.44 Prozent respektive 0.66 Prozent. Gegenüber dem Zinstief Mitte 2025 haben sich die Sätze zwar leicht erholt, doch das Renditefenster für Franken-Anlagen war zwischen 2022 und 2024 nur kurz offen. Seither bewegen sich die Zinsen wieder im Bereich historisch tiefer Niveaus. Die Zinsdifferenz zur Eurozone beträgt rund 290 Basispunkte, zu den USA über 400. Auf den ersten Blick sprechen diese Unterschiede für ausländische Anleihen. Eine detaillierte Analyse zeigt jedoch ein differenzierteres Bild.

Wechselkurs neutralisiert Zinsvorsprung

Bei vollständiger Währungsabsicherung sorgt der Terminwechselkurs dafür, dass aus höheren Auslandrenditen kein risikoloser Zusatzertrag entsteht. Die Zinsdifferenz wird durch den Terminkurs weitgehend neutralisiert. Hinzu kommt die strukturell höhere Laufzeitprämie in Europa und den USA. Diese Märkte tragen grössere Zins-, Inflations- und Fiskalrisiken als die Schweiz. Schweizer Staatsanleihen verfügen über einen ausgeprägten Safe-Haven-Status. Anleger akzeptieren dauerhaft niedrigere Erträge als Versicherungsprämie gegen globale Stressphasen. In Krisenzeiten profitiert der Franken von Kapitalzuflüssen - eine Eigenschaft, die sich in strukturell tieferen Renditen niederschlägt.

Zentralbanken bleiben expansiv

Die US-Notenbank dürfte 2026 ein bis zwei weitere Zinssenkungen vornehmen. Flankierend kauft sie Anleihen, um abrupte Renditesprünge zu dämpfen. Die Europäische Zentralbank bleibt flexibel und könnte höchstens einmal senken. Im Frühjahr stehen erste Rating-Reviews an, die das Transmission Protection Instrument (TPI) wieder in den Fokus rücken könnten.

In der Schweiz bleibt die geldpolitische Ausrichtung restriktiv. Trotz marginal höherer Inflation im Dezember besteht weiterhin die Möglichkeit negativer Zinsen. Die Schweizerische Nationalbank scheut sich nicht, dieses Instrument erneut einzusetzen, sollte der Franken unter starkem Aufwertungsdruck stehen. Für Anleger bedeutet dies: Selbst die aktuell tiefen Renditen könnten künftig weiter sinken.

Venezuela im globalen Machtspiel

Über festverzinsliche Anlagen hinaus bieten Rohstoffe relevante Perspektiven. Bei Öl stellt ein möglicher Machtwechsel in Venezuela eines der grössten Aufwärtsrisiken für das globale Angebot ab 2026/27 dar. Die US-Regierung fördert aktiv die Rückkehr amerikanischer Energieunternehmen, um Venezuelas vernachlässigte Infrastruktur zu modernisieren.

Kurzfristig besteht das Risiko von Produktionsausfällen während der Übergangsphase. Die Erholung könnte erfahrungsgemäss jedoch rasch erfolgen. Langfristig hätte ein Produktionsanstieg preisdämpfende Effekte. Geopolitisch wäre der Einfluss erheblich: Zusammengenommen könnten die Ölreserven Venezuelas, Guyanas und der USA rund 30 Prozent der weltweiten Reserven unter US-Einfluss vereinen.

Globale Entwicklungen wie eine mögliche Neuordnung der Ölproduktion in Venezuela verdeutlichen, wie stark geopolitische Einflüsse die Kapitalmärkte auch im Tiefzinsumfeld prägen. Der Schweizer Franken bleibt dabei ein Stabilitätsanker, dessen Safe-Haven-Status strukturell tiefere Renditen rechtfertigt. Damit bestätigt sich einmal mehr: Die Zinslandschaft der Schweiz spiegelt weniger geldpolitische Divergenzen als die anhaltend hohe Vertrauensprämie wider, die Investoren der Schweizer Wirtschaft und Fiskalpolitik beimessen.

Von Thomas Rühl, Chief Investment Officer der SZKB

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