| ETF Experten-Interview |
12.11.2025 09:00:00
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Anlegen Ü-55 - Chancen nutzen, Risiken steuern
Interview mit Adriano B. Lucatelli, Gründer von Descartes Finance
Herr Lucatelli, viele Menschen über 55 stehen vor der Frage, wie sie ihr Vermögen optimal anlegen sollen. Worin unterscheiden sich die Bedürfnisse dieser Zielgruppe von jüngeren Anlegern?
Ab 55 verschieben sich die Prioritäten spürbar. Während es bei Jüngeren vor allem um den langfristigen Vermögensaufbau und das Eingehen von Risiko geht, steht bei den über 55-Jährigen die Sicherung des Lebensstandards und die Vorbereitung der Pension im Vordergrund. Die Risikofähigkeit nimmt tendenziell ab, gleichzeitig bleibt aber eine Lebensspanne von 25 bis 30 Jahren, die finanziert werden muss. Deshalb geht es um die richtige Balance zwischen Sicherheit und Ertrag.
Welche Anlagegrundsätze gelten speziell für diese Altersgruppe?
Für Anlegerinnen und Anleger ab 55 ist es entscheidend, das Vermögen gut diversifiziert aufzustellen, das Risiko behutsam zu reduzieren und gleichzeitig die Liquidität sicherzustellen. Mit anderen Worten: Das Portfolio sollte breit gestreut sein, sodass Schwankungen abgefedert werden. Der Aktienanteil wird meist etwas reduziert, um Wertschwankungen besser auszuhalten, dennoch bleibt ein Wachstumsanteil wichtig, um die Inflation über die nächsten Jahrzehnte auszugleichen. Parallel dazu muss eine klare Liquiditätsplanung erfolgen, damit Mittel für die Rente rechtzeitig verfügbar sind.
Sie sprechen die Liquiditätsplanung an. Können Sie das anhand des Entnahmeplans erläutern?
Sehr gerne. Der Entnahmeplan ist ein strukturierter Ansatz, um Vermögen nach der Pensionierung kontrolliert zu beziehen. Statt das Kapital auf einmal zu konsumieren, legen wir mit der Kundin oder mit dem Kunden fest, wie viel monatlich oder jährlich entnommen werden soll - ähnlich wie ein «persönlicher Lohn». Der Rest des Vermögens bleibt investiert und kann weiterhin Rendite erwirtschaften.
Ein Beispiel: Eine Kundin mit 500'000 Franken möchte ab 65 jährlich 30'000 Franken beziehen. Wir planen mit ihr, einen Teil des Vermögens in risikoärmere Anlagen umzuschichten, während ein Rest in Aktien investiert bleibt, um den Kaufkraftverlust durch Inflation abzufedern.
Welche typischen Fehler beobachten Sie bei Anlegern Ü-55?
Ein häufiger Fehler ist, das Risiko zu stark zu reduzieren - etwa indem das gesamte Vermögen in Cash oder kurzfristige Obligationen umgeschichtet wird. Damit verschenkt man Renditechancen und läuft Gefahr, die Inflation nicht auszugleichen. Der zweite Fehler ist das Gegenteil: zu hohe Risiken, weil man in den letzten Jahren vor der Pension «noch schnell» viel herausholen will. Beides kann gefährlich werden. Es braucht einen ausgewogenen, professionell begleiteten Ansatz.
Welche Rolle spielt die Säule 3a in diesem Zusammenhang?
Die Säule 3a bleibt auch mit 55 ein wichtiges Instrument, weil man jedes Jahr steuerbegünstigt einzahlen kann. Der Maximalbetrag ist aktuell 7’258 Franken. Zudem lohnt es sich, mehrere 3a-Konten aufzubauen, um spätere Bezüge zu staffeln und Steuerprogression zu vermeiden. In Kombination mit einem Entnahmeplan lässt sich die 3a also hervorragend in die Gesamtstrategie integrieren.
Wie individuell sind diese Pläne?
Jeder Plan ist massgeschneidert. Wir berücksichtigen Faktoren wie Pensionskassenguthaben, AHV-Leistungen, allfällige Hypotheken, familiäre Verpflichtungen und natürlich die Lebenserwartung. Wichtig ist auch die Steueroptimierung: Wer die Bezüge aus Vorsorgegeldern (z.B. 3a-Konten) gestaffelt vornimmt, kann Steuern sparen. Genau solche Details entscheiden darüber, ob das Geld bis ins hohe Alter reicht.
Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?
Eine zentrale. Mit digitalen Tools wie unserem Online-Rechner können Kundinnen und Kunden verschiedene Szenarien simulieren. Diese Transparenz schafft Sicherheit und erlaubt fundierte Entscheidungen.
Ihr Fazit fürs Anlegen Ü-55?
Frühzeitig planen, breit diversifizieren und die individuelle Situation berücksichtigen. Wer mit 55 einen klaren Plan hat, kann gelassener in die Pension gehen. Und ein strukturierter Entnahmeplan sorgt dafür, dass Vermögen nicht nur erhalten, sondern auch sinnvoll genutzt wird.
Adriano Lucatelli ist Schweizer Unternehmer, Ökonom und Gründer von Descartes Finance, einer digitalen Vermögensverwaltungsplattform.
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Weitere Themen sind die Rolle von KI im Beratungsalltag, seine Aufteilung zwischen Kundenarbeit, Steuerung und Innovation sowie die langfristige Vision eines zugänglicheren Family-Office-Ansatzes.
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