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30.05.2026 22:03:00
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Die vergessenen Märkte der Börse: Lohnt sich ein Frontier Markets ETF?
Hohe Dividendenrenditen, historisch günstige Bewertungen und eine geringe Korrelation zu etablierten Indizes machen Frontier Markets zunehmend interessant. Doch es bestehen erhebliche Risiken.
• MSCI Frontier Markets Index legte 2025 um 47,5 Prozent zu, kaum ein Privatanleger hatte diese Märkte im Depot
• Geringe Korrelation zu US-Aktien als Diversifikationsvorteil
Was sind Frontier Markets?
Indexanbieter wie MSCI und S&P unterteilen die Welt der Aktienmärkte in drei Stufen: Industrieländer, Schwellenländer und Grenzmärkte. Frontier Markets sind dabei nicht einfach nur kleiner: "Das politische und rechtliche Rahmenwerk, Investorenzugang, freier Kapitalverkehr oder schlicht die Grösse der Volkswirtschaft sind oft nicht auf einem Standard, der internationale Investoren in der Breite anlocken würde", erklärte Marcus Weyerer, Direktor ETF-Anlagestrategie für die EMEA-Region bei Franklin Templeton, im Interview mit extraETF.
Der Indexanbieter MSCI fasst aktuell 28 solcher Länder im MSCI Frontier Markets Index zusammen, der 247 Unternehmen mit einer Abdeckung von rund 85 Prozent der frei handelbaren Marktkapitalisierung in jedem Land enthält. Innerhalb des Index dominiert Vietnam mit einem Gewicht von 28,5 Prozent, gefolgt von Rumänien (12,8 Prozent), Marokko (10,9 Prozent) und Kasachstan (6,9 Prozent). Wie Weyerer in dem Interview ausführt, handelt es sich hier also um "Nischeninvestitionen".
Der MSCI Frontier Markets wies zum Ende des ersten Quartals 2026 gerade mal eine Marktkapitalisierung von 191,5 Milliarden US-Dollar auf, während der MSCI Emerging Markets Index auf eine Marktkapitalisierung von 10,21 Billionen US-Dollar kam. Der Median der Unternehmensmarktkapitalisierung liegt im Frontier-Index bei 387 Millionen US-Dollar. Im deutschen SDAX, dem Kleinwertsegment der Deutschen Börse, haben weniger als fünf Prozent der 70 Werte eine noch geringere Marktkapitalisierung.
Bewertung und Dividenden
Der MSCI Frontier Markets Index stieg in den drei Jahren bis 2026 um rund 68 Prozent, alleine im Jahr 2025 verzeichnete der Index laut offiziellem Factsheet, eine Jahresperformance von 46,86 Prozent. Hinter dieser Entwicklung steckt kein spekulativer Schub, sondern eine ungewöhnliche Kombination aus niedriger Bewertung und hoher Ausschüttungsquote. Laut dem MSCI-Factsheet vom 31. März 2026 lagen die Dividendenrendite des MSCI Frontier Markets Index bei 3,39 Prozent und das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 12,34. Damit ist der Index günstiger bewertet als der iShares MSCI ACWI ETF, der ein KGV von 21,77 aufwies.
James Johnstone, Fondsmanager bei Redwheel Next Generation Emerging Markets Equity Fund, erwähnt in Bezug auf im Index enthaltene Werte gegenüber extraETF, dass viele von ihnen eine Dividendenrendite böten, "die sogar das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) übersteigt. Dies ist ein seltenes Phänomen an den Aktienmärkten und deutet auf ungewöhnlich günstige Bewertungen hin".
Währungen, Reformen und das Argentinien-Beispiel
Neben Bewertung und Dividende nennt Redwheel einen weiteren Faktor: die Erholung der Frontier-Währungen. "Die Währungen der Frontier-Märkte erreichten ihren Tiefpunkt im Jahr 2024 und erholen sich seit 2025 wieder", erklärt Johnstone. Hinzu kämen Strukturreformen in einzelnen Ländern, deren Wirkung zum Teil spektakulär ausfiel.
Argentinien wird als besonders eindrucksvolles Beispiel genannt: Nach den marktwirtschaftlichen Reformen unter Präsident Javier Milei hat sich der MSCI Argentina Index seit seinem Tiefpunkt im März 2020 bis Ende Mai 2025 mehr als verneunfacht, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 60,3 Prozent entspricht, wie Johnstone gegenüber extraETF berichtet. Ein Einzelfall, der zeigt, welche Kursdynamik entstehen kann, wenn tief bewertete Märkte politisch stabilere Bahnen einschlagen. Argentinien ist allerdings kein Dauerzustand: Das Land wechselte in der Vergangenheit mehrfach zwischen MSCI-Kategorien, was die Volatilität solcher Einschätzungen unterstreicht.
Korrelation und Diversifikation
Ein zentrales Argument für Frontier Markets als Portfoliobeimischung ist ihre geringe Gleichläufigkeit mit etablierten Märkten. Laut Daten von Bloomberg und Redwheel liegt die Korrelation des MSCI Frontier Markets zum MSCI USA Index, bei 0,55, zum MSCI EAFE (Industrieländer ohne USA und Kanada) bei 0,64 und zu den Emerging Markets bei 0,62. Zum Vergleich: Emerging Markets und MSCI USA korrelieren mit 0,66 bereits stärker miteinander.
Das niedrigere Gleichlaufverhalten liegt unter anderem daran, dass Frontier-Märkte stärker von lokalen Faktoren abhängen: inländische Nachfrage, Rohstoffexporte, Tourismus und eben jene Reformagenden, die von globalen Konjunkturzyklen weitgehend abgekoppelt sind. Eine geringe Korrelation reduziert zwar nicht das Einzelmarktrisiko, kann aber die Gesamtvolatilität eines diversifizierten Portfolios dämpfen.
Risiken: Was Anleger wissen müssen
Aber Frontier Markets stehen nicht ohne Grund am unteren Ende der Indexhierarchie. Das Hauptrisiko ist die geringe Marktliquidität: In vielen dieser Länder ist das handelbare Volumen so begrenzt, dass grössere Kauf- oder Verkaufsorders die Kurse selbst bewegen können.
Politische Risiken sind zudem strukturell höher als in entwickelten Märkten. Regierungswechsel, Kapitalverkehrskontrollen, Korruption und mangelnde Rechtssicherheit können Anlagen über Nacht entwerten. Hinzu kommen noch ausgeprägte Währungsschwankungen und zum Teil erhebliche Informationsasymmetrien, da Unternehmen in vielen Frontier-Ländern geringeren Berichtspflichten unterliegen als in OECD-Staaten. Das Fondsvolumen des einzigen für deutsche Anleger breit zugänglichen UCITS-ETF auf den MSCI Frontier Markets liegt bei lediglich rund elf Millionen Euro, was das geringe institutionelle Interesse an dieser Anlageklasse widerspiegelt und das Liquiditätsproblem auf Produktebene verlängert.
Paul Schütte, Redaktion finanzen.ch
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